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VIS Vienna Independent Shorts

das 5. internationale Kurzfilmfestival in Wien
16.-23. Mai

Was zum Geier ist independent? Statements von Michael Loebenstein.

Das kleine englische Wörtchen "independent" heißt viel mehr als die deutsche Übersetzung "unabhängig", die den Begriff nur unzureichend einzugrenzen vermag. Independent steht synoym für gleich mehrere Sparten eines gar nicht so kleinen Spektrums. Die folgenden - wörtlich transkribierten - Statements entstammen der Podiumsdiskussion zur Eröffnung von VIS Vienna Independent Shorts 2005, die sich der Frage "Was zum Geier ist independent?" widmete.


"Abgesehen von der Ökonomie oder von der ganzen Beziehung zu dem, was man Autorenkino nennt: Irgendwie die Utopie von einem Filmschaffen, das, sozusagen ins Positive gewendet, ganz abseits aller Moden und bestimmter Zwänge, industrieller Zwänge, passiert.
Auf der anderen Seite womöglich etwas, was man mit Vorsicht oder zumindest kritisch betrachten sollte: Ein Kino, das radikal subjektiv oder vielleicht subjektivistisch ist und sich völlig entkoppelt und einen völlig privaten Diskurs führt. Das könnte Independent- oder unabhängiges Kino auch sein."

"Zwei historische Schlaglichter, wo ich mit dem Begriff von einem unabhängigen Kino in den letzten Wochen in Berührung gekommen bin:

Einerseits Deutschland in den späten 20er-Jahren – wo es eine ganz entwickelte Filmindustrie gegeben hat, wo es die UFA und ein feststehendes industrielles System gegeben hat –, ein kleiner Film von einer Gruppe von Menschen, die nachher alle vor der nationalsozialistischen Diktatur fliehen mussten. Robert Siodmak unter anderem, Billy Wilder, Eugen Schüfftan, die einen Film namens Menschen am Sonntag gemacht haben, die eine eigene kleine Produktionsfirma hatten, die aus nicht viel mehr aus einem Schreibtisch in einem Zimmer von einem von ihnen bestanden hat, die mit einer Handkamera, die auf der Straße gedreht haben, die proletarische Menschen, Großstadt-Benutzer, an einem Sonntag gefilmt haben, wie man als Stadtmensch lebt. Das ist so mehr oder minder eines der Highlights des Independent-Films oder des unabhängigen Films, wie ich ihn selber genannt habe, in Deutschland.

Etwas anderes, womit ich in der Arbeit immer wieder konfrontiert worden bin: Das Filmmuseum ist von Peter Kubelka gegründet worden, Avantgarde-Filmmacher, der sich selber sehr dezidiert auch als Sammler des unabhängigen Kinos, sprich des nicht industriellen Kinos, bezeichnet hat. Beispielsweise ein Film wie von Arnulf Rainer, hergestellt zu Hause mit der Schere aus Schwarzfilm und Weißfilm, aus einer bespielten Tonspur und einer leeren Tonspur. Sozusagen entgegen dem, dass es heißt, das Kino ist ein arbeitsteiliges Medium, ein Medium des Industriezeitalters, ein kollektives Unterfangen: die radikale Privatheit des Künstlers. Das Kratzen in den Filmkader, das Selber-Zusammen-Schneiden, die Partitur, die man im Kopf macht, wo man an sich niemand braucht. Wo man auch sagt, man braucht im Prinzip kein Publikum – das stimmt gerade in dem konkreten Fall überhaupt nicht.

Das sind zwei so irrsinnig weit auseinander liegende Positionen, was unabhängiges Kino betrifft, dass man erst sieht, wie kompliziert das ganze Feld ist."


Michael Loebenstein
ist zuständig für wissenschaftliche Kooperationen im Filmmuseum und Filmjournalist.

Transkribiert von Raimund Liebert.

 

Weitere Statements:

Dominik Kamalzadeh | Christine Dollhofer | Wolfgang Ritzberger