Hubert Sielecki und Österreichs Film-Avantgarde (3)

- Filmstill: Nitweitaget
Topoi und Objekte: Heimat
Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Topos Heimat zieht sich wie ein roter Faden durch die österreichische Kunst- und Literaturgeschichte der Nachkriegszeit. Dies geschah als logischer Gegenentwurf zur Konnotierung des Begriffs im Nationalsozialismus, aber auch zu seiner unhinterfragten Weiterverwendung zumindest bis hinein in die 1960er Jahre. Die Filmgeschichte hat ihren Heimatfilm, sie hat ihre Dirndln, Loden und Steireranzüge als positiv beschriebene Zeichen, und sie hat auch ihre Gegenentwürfe mit den Filmavantgardisten als Speerspitze. Ein bekanntes Beispiel für einen derartigen Gegenentwurf ist Ernst Schmidt jr.s Wienfilm 1896-1976.
Bei Hubert Sielecki erfährt die Heimat noch eine zusätzliche biographische Zuspitzung, als sein Geburtsort Rosenbach mitten im traditionell slowenischen Siedlungsgebiet Kärntens liegt.
Der Film Österreich ! ist eine rhythmische Montage von verschiedenen Nennungen der Begriffe Österreich, österreichisch, unser Land und so fort im österreichischen Fernsehen, die durch Nachrichtensprecher, Moderatoren, Politiker und weitere öffentliche Personen getätigt werden. In Nachrichten wird das Wort Wien durch ein Weinglas mit dem Schriftzug WIEN dargestellt, der sich zu WEIN verwandelt - nebenbei wieder ein Beispiel für Sieleckis Vorliebe für das Spiel mit der Sprache.
1982 schuf Sielecki die Installation „s’hamatle“, die man schon wegen ihrer Fetischisierung des Kostüms und ihren Wiederholungsmotiven als veritables Objekttheater bezeichnen muss. Eine lebensgroße, motorbetriebene Halbfigur im braungrünen Trachtenanzug bewegte sich in einem Balkengehege, gegen das sie in der Bewegung immer wieder anstieß. Dabei gab sie Lieder und Gedichte (aus einem eingebauten Kassettenrekorder) von sich, die die Liebe zur Heimat zum Inhalt hatten, jedoch durch Fragmentierung und Montage den Eindruck von Orientierungslosigkeit und Hektik noch verstärkten.
Topoi und Objekte: Hand, Fuß, Körper
Das Charakteristikum des Films, Körper durch Detailaufnahmen und Montage zu fragmentieren, wird bei Hubert Sielecki zum Zitat einer filmhistorischen Sensation. Das Bild einer Hand oder eines Fußes fügt sich nicht nur funktional in die Narration, sondern wird zu einem teilweise bis zur Abstraktion stilisierten Schauwert.
Am Augenscheinlichsten verwendet Sielecki das Motiv der Hand in Air Fright (1995). Der Plot handelt von einer Person mit Flugangst, die eine Flugreise unternimmt. Die einzige Kameraperspektive ist eine absolute point-of-view-Einstellung der Person, sodass von dieser ausschließlich die nackten Hände (mit dunkel bekleideten Armen und Unterleib als Verlängerung) zu sehen sind. Die Hände werden so nicht in Bezug zu einem imaginären gesamten Körper gesetzt, sondern werden zum eigentlichen Protagonisten, der handeln und Gefühle ausdrücken kann.
In Spur sind Füße ein wiederkehrendes Motiv. Sie sind abstrahiert, als zwei senkrechte Rechtecke am unteren Bildrand, die oben durch einen aufgesetzten Halbkreis abgeschlossen sind. Durch die Signalfarbe rot werden sie besonders hervorgehoben, manchmal erhalten sie noch zusätzlich andersfarbige Umrandungen. Die Umrisse eines halben Fußes sind als Bild wiederholt in Ein Stein rollt präsent.
Wurden die Körper bei den Avantgardisten der 1960er und 1970er Jahre noch verletzt und malträtiert, lösen sie sich bei Sielecki bereits auf. In levitation ist eine weiße Wolke auf blauem Himmel zu sehen, die sich stetig verkleinert und schließlich in weißem Licht aufgeht. Auf der Tonebene ist die Stimme des Autors Gerhard Rühm zu hören, auf die Schlagwörter Körper und leicht folgen leicht und Leib und der Leib wird schließlich zu Licht. In Nitweitageht ist der Komponist Wolfgang Mitterer als rote, blaue und grüne Lichtfigur dargestellt, manchmal gleich in dreifacher Ausführung, auftauchend und wieder verschwindend, durch Bewegungen Aktionen setzend, die aber im Bildfluss folgenlos bleiben.
Als Österreichs Avantgardistinnen und Avantgardisten in den 1960er Jahren die Sexualität „als eine gesellschaftlich starke und wirksame Mitte“ entdeckten, wie es Hans Scheugl formulierte, war Ironie von Anfang an mit dabei. Am bekanntesten ist diesbezüglich wohl Valie Exports Tapp- und Tastkino im Jahr 1968. Auch bei Hubert Sielecki ist später noch die Ironie in Bezug auf Sexualität geblieben, wenn auch das mediale und gesellschaftliche Umfeld sich veränderte – nicht zuletzt begleitet von den radikalen Aktionen der Avantgarde.
Im kinematographischen Sprechtext ZWÖLF, entstanden 2007, zeigt Sielecki Ausschnitte eines Gruppenfotos von männlichen Soldaten um 1900. Auf der Tonebene liest Gerhard Rühm Zahlen zwischen 1 und 11. Die der genannten Zahl entsprechende Anzahl an Soldatenköpfen ist als Bild zu sehen. Manchmal sind es auch keine Köpfe, sondern ein Gewirr von Soldatenbeinen und Gewehren. Die einem Orgasmus vergleichbare Steigerung bis zur Zahl 12 wird mit der letzten Einstellung des Films vollendet – nun allerdings ist die Aktfotografie einer nackten Frau zu sehen.
Weiterlesen:
- Teil 1 - Österreichs Film-Avantgarde zwischen Epochalisierung und Archetypisierung
- Teil 2 - Was (wieder) Material wird - Fernsehen / Literatur / Techniken, Arbeitsweisen
- Teil 3 - Topoi und Objekte - Heimat / Hand, Fuß, Körper
- Teil 4 - Möbiusschleifen und andere Wiederholungen