Hubert Sielecki und Österreichs Film-Avantgarde (2)

- Filmstill: Liebe TV
Was (wieder) Material wird: Bezugsquelle Fernsehen
Die frühe österreichische Film-Avantgarde war auch ein Gegenentwurf zu einem die Massenkultur prägenden audiovisuellem Phänomen, dem Hollywood-Film. In seinem Einfluss analog zu jenem steht etwas später das Fernsehen, das für Hubert Sielecki zu einer wichtigen Bezugsquelle wird.
Den belehrenden Charakter von Nachrichtensendungen ironisiert er im Film Nachrichten (1983), indem auf der Bildebene eine illustrierende Animation von Kreide auf schwarzer Tafel zu sehen ist, während auf der Tonebene die Originalaufnahme der Nachrichtensendung läuft. Beim Wetterbericht am Schluss der Sendung werden die Bewegungen auf der Bildebene plötzlich rasanter, wodurch mit medienkritischem Seitenhieb suggeriert wird, dass ein Wettbericht wesentlich dramatischer als eine politische Meldung sei. In Liebe TV (1997), Sieleckis erster Filmarbeit am Computer, bearbeitete er Footage einer Liebesszene aus einer TV-Seifenoper. Durch das verfremdete Aussehen der Charaktere wird die ernste Szene zur Farce. Österreich ! (2002) schließlich ist eine Montage kurzer Ausschnitte aus Fernsehsendungen des Österreichischen Rundfunks, von Nachrichtensendungen über Wetterberichte und Diskussionssendungen bis hin zu Sportübertragungen. Zu sehen sind (fast) ausschließlich Ausschnitte, in denen die Worte Österreich oder österreichisch fallen.
Was (wieder) Material wird: Bezugsquelle Literatur
Die österreichische Film-Avantgarde hat ihre Ursprünge auch in der Literatur, von der sie sich bereits in den 1950er Jahren langsam zu emanzipieren begann. Bei Hubert Sielecki ergibt sich durch die gelegentliche Zusammenarbeit mit Literatinnen und Literaten ein besonderes Naheverhältnis zum geschriebenen Wort.
So entstand SEHEN – fünf kinematographische sprechtexte (2007), eine von Sieleckis jüngsten Arbeiten, in Kollaboration mit dem Mitbegründer der Wiener Gruppe Gerhard Rühm. In Spur (2006) und Ein Stein rollt (2006) greift er auf Texte der Schriftstellerin Karin Spielhofer zurück. Der Text ist hier aus dem Off zu hören und korrespondiert mit der stilisierten, bewegten Abbildung einzelner Begriffe oder Begriffsfolgen auf der Bildebene. Der gesprochene Text wird durch diese Art der Verbildlichung in einzelne Sinneinheiten geteilt und erhält durch die rasche Aufeinanderfolge der unterschiedlichen Bilder eine zusätzliche Dynamik. In Ein Stein rollt wird dies so umgesetzt, dass einzelne Wörter manchmal auch als Schriftzug dargestellt sind. In den Sprechpausen zwischen den (Halb-)Sätzen in Spur ist entweder eine nicht gegenständliche, vibrierende farbige Fläche zu sehen oder überhaupt nur ein Schwarzbild. So scheint der Film auf den literarischen Text zu warten und sich nicht von seiner Quelle lösen zu können.
Was (wieder) Material wird: Techniken und Arbeitsweisen
Ähnlich wie etwa die Avantgarde-Regisseurin Mara Mattuschka zusätzlich als Performance-Künstlerin, Malerin und Sängerin in Erscheinung tritt, ist auch Hubert Sielecki ein Experimentator der künstlerischen Vielfalt. Von 1968 bis 1973 studierte er Grafik an der Wiener Hochschule für angewandte Kunst, gerade in der Zeit der Hochblüte des Wiener Aktionismus. Trickfilm und Malerei lernte er an der Film- und Kunsthochschule Łódź. Eine 35mm-Kamera baute er sich selbst. Sielecki experimentierte mit alten und neuen Fototechniken, Gummidruck, Porträtmalerei, Musik und schuf Plakate ohne Werbezweck, Objekte und Environments.
Diese experimentelle Vielfalt im Umgang mit Material findet sich analog in Sieleckis filmischen Arbeiten, auf Zelluloid und Video. Er schuf Filme durch klassischen Phasentrick (Buchfabrik), durch Realanimation (Nitweitageht), durch Bearbeitung von Video-Footage (Österreich !, Liebe TV), durch Experimente mit Kreide mit schwarzer Tafel (Nachrichten) und durch andere Techniken.
Verortet in der österreichischen Filmavantgarde, kann dies als Nachhall oder deeskalierter Parallelismus zu Peter Weibels Idee eines Materialfilms gelten, der die „Regression auf das Material im Film“wollte. Bei Weibel sollte die Materialfixiertheit jedoch in letzter Konsequenz zu einer Aufhebung ideologiebehafteter Strukturen führen, was auf Sieleckis Filme nicht zutrifft.
Sieht man von den dezidierten Auftragsarbeiten (wie etwa seinen Werbefilmen für die Zeitschrift Falter und den Festivaltrailern für die Österreichischen Filmtage Wels) ab, sind Sieleckis Filme allesamt Amateurfilme, in dem Sinne, als sie nicht-kommerziellen Charakter haben. Schon die Geburt des österreichischen Avantgardefilms nach dem zweiten Weltkrieg war eine Reaktion auf eine „ökonomische Enge“ gewesen, wie es der Schriftsteller und Drehbuchautor Gustav Ernst formulierte. Haben sich auch inzwischen durch die Einführung einer staatlichen Filmförderung in Österreich die finanziellen Rahmenbedingungen verschoben, bleibt dem in seiner Nicht-Kommerzialität verwurzelten Avantgardefilm ein Begriff wie Einspielergebnis fremd. Auch der für die Filmschaffenden finanziell lukrativeren Verlagerung von Film- und Videokunst vom Kino in den internationalen Galerienbetrieb hat sich der gelernte bildende Künstler Hubert Sielecki, was seine Filmarbeiten betrifft, bislang großteils entzogen.
Weiterlesen:
- Teil 1 - Österreichs Film-Avantgarde zwischen Epochalisierung und Archetypisierung
- Teil 2 - Was (wieder) Material wird - Fernsehen / Literatur / Techniken, Arbeitsweisen
- Teil 3 - Topoi und Objekte - Heimat / Hand, Fuß, Körper
- Teil 4 - Möbiusschleifen und andere Wiederholungen