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VIS Vienna Independent Shorts

das 5. internationale Kurzfilmfestival in Wien
16.-23. Mai

Werkschau: Royal College of Art, London

Termin: Donnerstag, 17. Mai 2007, 20 Uhr + 24 Uhr [Tagesüberblick Donnerstag]
im Rahmen der Animationsnacht
Ort: Top Kino, Rahlgasse 1, 1060 Wien

 

Das Animation Department des Royal College of Art - London

Das Royal College of Art in London ist die einzige Universität für Kunst und Design der Welt, die ausschließlich Post-Graduate-Ausbildungen anbietet.

Die Animationsfilmabteilung ist eine der wichtigsten "Talentschmieden" für StudentInnen der Animationskunst, die dort entstandenen Filme tauchen immer wieder in den Wettbewerbsprogrammen und unter den Preisträgern internationaler Festivals auf, nach Angaben der Schule arbeiten 93% der Absolventen heute in einem der Ausbildung entsprechenden Job.

Bei der zweijährigen Ausbildung liegt der Schwerpunkt im Bereich Drehbuch, Regie und Produktion. Die KünstlerInnen sollen ihre individuellen Ausdruck finden, wobei unterschiedlichste Zugänge zum Medium Animationsfilm explizit unterstützt werden (documentary, fiction, narrative and non-narrative). Gerade von der Mischung verschiedenster konzeptioneller Zugänge, die durch Teilnehmer aus verschiedensten Ländern verkörpert werden, erwartet sich die Schule eine kreative Atmosphäre gegenseitiger Befruchtung.

Einer der Schwerpunkte der Schule liegt im Bereich der Zeichnung als Ausgangspunkt für Animation, besonderes Augenmerk gilt weiters der Kombination von Bild und Ton. Traditionelle Trickfilmtechniken werden parallel zur Nutzung neuer Produktionstechnologie gepflegt, und vielfältige Kombinationsmöglichkeiten erprobt und entwickelt.

Neben dem ständigen Team an Professoren ergänzen Visiting Artists mit speziellen Workshops die Ausbildung, Kooperationen mit anderen Ausbildungsstätten in London werden explizit angestrebt (u.a. the Royal Academy for Music) und natürlich verfügt die Schule über die entsprechende Produktionstechnologie, um die Realisierung der filmischen Arbeiten am aktuellen industriellen Standard auszurichten.

Filmselektion für VIS Vienna Independent Shorts 2007

Auswahl der Abschlussarbeiten aus den Jahren 2005 und 2006

Kuratierung: Thomas Renoldner (ASIFA Austria)

Die Filmselektion für VIS 2007 versucht einen Überblick über möglichst unterschiedliche narrative und gestalterische Strategien der Animationskunst zu geben und aktuelle Tendenzen aufzuzeigen. Natürlich ist die hohe technische Qualität ein wichtiges Auswahlkriterium, darüber hinaus geht es aber nicht immer darum, das "Beste"; sondern vielmehr das "Exemplarische" zu zeigen. Auf diese Weise entsteht ein kleiner Versuch einer "Typologie der zeitgenössischen Animationskunst".

The Adventures of John and John von William Bishop Stephens ist ein klassisches Beispiel der Kategorie "Manischer Bastlerfilm": wie die meisten Puppentrickfilme ist dieser in einem Schuhkarton gedrehte Film mit viel Liebe zu Detail ausgeführt, und hat den Herstellern sicher zahllose Nächte akribischen Schaffens abgerungen. Die Thematik kann als Metapher für ein mögliches Wesen des Trickfilmes gelesen werden: John bastelt für John einen Helm, der dessen Phantasien auf einem Bildschirm sichtbar macht, Trickfilm als Wunscherfüllungsmaschine, Spiegelbild des Unbewussten.

Abigail von Tony Comley gehört in die Kategorie der gesellschaftskritischen Parabel, ergänzt mit einer besonders scharfen Prise sarkastischem und antiklerikalem Humor. Die Gesellschaft sitzt in einem Flugzeug, das mit brennenden Turbinen im Todessturz auf die Erde zurast. Die Katastrophe ist unausweichlich.

Als nicht-narratives Intermezzo folgt Nachtmaschine von Max Hattler, ein Beispiel für die Kategorie des abstrakten Musikfilmes. Die zu elegant-jazzigem Sound optisch durchgestylte Arbeit überzeugt unter anderem durch seine interessante Technik. Es kommen ausschließlich digitale Fotografien - zum Teil nächtliche Lichtzeichnungen -  zum Einsatz, die rhythmisch passend arrangiert werden, was allerdings auch die Frage aufwirft, ob hier der Begriff "Animation" noch zutreffend erscheint.

Guy 101 von Ian Gouldstone zählt, vom produktionstechnischen Aspekt betrachtet, ähnlich wie Abigail zu einer neuen Kategorie der computergenerierten 2-dimensionalen Animation, die wiederum in verschiedene Untergruppen aufzugliedern wäre. Während Abigail im Grunde einen Zeichentrickfilm mit neuer Technologie darstellt (eventuell im Programm Flash hergestellt), eröffnet Guy 101 neue Darstellungsstrategien, die in sehr guter Übereinstimmung mit dem Inhalt der Erzählung stehen. Ausgangspunkt sind "Internet-Begegnungen" zweier Männer, die physische Abwesenheit des Gegenübers findet die passende Entsprechung in zweidimensionalen Bildschirmoberflächen, geschriebenem Text als Kommunikationsform, Icons und reduzierten Computergrafiken. Zu einem späteren Zeitpunkt findet die Kommunikation über den "Datenhighway" seine Entsprechung in einer dreidimensionalen computergame-artigen Fahrt auf einer Autobahn, die gesprochenen Texte ziehen simultan als quer über die Fahrbahn angebrachte Hinweisschilder vorbei. Die distanziert kühle Erzählung erfährt zum Ende einen "Realitätsschock", als das virtuelle Gegenüber von der brutalen Misshandlung durch einen anderen Mann erzählt.

Jenseits von abstrakten, formalen, metaphorischen oder völlig surrealen Formen des Animationsfilmes ist in den letzten Jahren eine stärker werdende Tendenz  des "dokumentarischen Animationsfilmes" zu beobachten, die folgenden beiden Arbeiten gehören zur Kategorie "autobiografische Erzählung". Charakteristisch ist hier die Verwendung einer Erzählstimme aus dem Off (gerne der Autor des Filmes selber) und zumeist kommen "handgefertigte" Techniken zum Einsatz. Im Falle von Where you are von Gabriele Cariolle sind es Buntstiftzeichnungen und Aquarelle, die tanzende Figuren, Menschen im Park, etc. darstellen.

Einen bösartig, zynischen Kommentar zum Genre des "Autobiografischen Off-Voice Filmes" stellt My life at 40 von Laurie Hill dar, in dem eigentlich sämtliche Charakteristika dieses Genres persifliert werden. Anstatt von traumatischen Kindheitserlebnisses zu erzählen, lässt Laurie die sonore Stimme seines Vaters von den eigenen krausen Zukunftsphantasien monologisieren. Als Begleitmusik hat Laurie sehr passend bedeutungsschwanger melancholische Klänge von Gustav Mahler ausgewählt, während er selber davon phantasiert, berühmt und reich zu werden und mit einem Lamborgini durch die Stadt zu flitzen. Blöder und geschmackloser kann es kaum noch werden!

Um den schlechten Geschmack dieser unqualifizierten Arbeit wieder wegzuwaschen, verbreitet Silent Advice von Richard Jousiffe angenehme Club-Atmosphäre. Zu appetitlichen Beats treiben abstrakte, computergenerierte Formen, formal an Oskar Fischinger und farblich an die Hippie-Zeit erinnernd, über die Leinwand. Inhaltlich beweist diese Arbeit, dass ein abstrakter Film auch narrativ sein kann. Ein Quadrat und ein Kreis interagieren offensichtlich in über die Höflichkeit hinausgehender Form miteinander, um sich übermütig zu vereinen und schließlich eine Herzform zu bilden. Nach Verlassen des Kinos werden sich diese Projektionen gewiss übergangslos mit den "Visuals" außerhalb des Kinos fortsetzen lassen.

Text: Thomas Renoldner